Mit dem Wohnmobil quer durch Frankreich, England und hinauf in die schottischen Highlands: Eine Solo-Reise über 5500 Kilometer führt vorbei an mittelalterlichen Städten, dramatischen Klippen, einsamen Single Track Roads und karibisch anmutenden Stränden. Ein Reisebericht zwischen Whisky, Highland-Rindern, abgerissenen Aussenspiegeln und unvergesslichen Sonnenuntergängen über dem Atlantik.



























Brit Stops – Übernachten bei Pubs und Farmern
Das Netzwerk Brit Stops bietet Wohnmobilreisenden kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten in ganz England und Schottland. Für eine Jahresmitgliedschaft von rund 32 britischen Pfund erhalten Mitglieder über die zugehörige App Zugang zu Stellplätzen auf dem Gelände teilnehmender Pubs, Bauernhöfe und kleinerer Betriebe. Stromanschlüsse sowie Ver- und Entsorgungsstationen sind an den meisten Standorten nicht vorhanden, die Toiletten der Gastgeber dürfen jedoch in der Regel mitbenutzt werden. Eine Konsumation vor Ort – sei es ein Essen im Pub oder der Kauf regionaler Produkte – ist willkommen, aber keine Voraussetzung für die Übernachtung. Neben dem praktischen Nutzen eines gesicherten, legalen Stell-
platzes bietet das Konzept auch die Gelegenheit, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen.
Schottland mit dem Wohnmobil zu erkunden – das war ein lang gehegter Traum. Im August 2025 wurde er Wirklichkeit. Die Route führte vom Berner Oberland quer durch Frankreich bis nach Calais, wo ein grosszügiger Stellplatz des Anbieters Camping Car Park die letzte Nacht auf dem Kontinent ermöglichte.
Am nächsten Morgen ging es mit der Fähre nach Dover. Die knapp neunzigminütige Überfahrt verlief reibungslos, und kurz vor Mittag rollte das Wohnmobil auf britischem Boden. Ab sofort steht man im Linksverkehr. Die Umstellung gelang überraschend schnell, zumal grossformatige Hinweisschilder auf den ersten Kilometern unmissverständlich daran erinnern, auf welcher Strassenseite man sich hier zu bewegen hat. Das erste wirkliche Etappenziel lag 458 Kilometer entfernt: Heslington bei York, genauer gesagt der Parkplatz des Deramore Arms Pub. Dank einer noch in der Schweiz über die App gelösten Brit-Stops-Jahresmitgliedschaft war der Übernachtungsplatz gesichert. Nach einem der Destination angepassten kulinarischen Auftakt mit Fish and Chips und einem Ale im Deramore Arms Pub endete der erste Tag auf englischem Boden.
Yorks Altstadt
York selbst verdient mehr als nur einen kurzen Zwischenstopp. Die mittelalterliche Altstadt zählt zu den besterhaltenen in ganz England. Hinter der imposanten Stadtbefestigung erstreckt sich ein Labyrinth aus engen Gassen und historischer Bausubstanz. Über allem thront das York Minster, die gotische Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert und eines der grössten sakralen Bauwerke Nordeuropas. Wer die Mühe der Turmbesteigung auf sich nimmt, wird mit einem weiten Panoramablick über die Stadt belohnt. Nur wenige Gehminuten entfernt liegt The Shamblese, eine der berühmtesten mittelalterlichen Strassen Europas. Ihre überhängenden Fachwerkhäuser dienten als visuelle Inspiration für die Winkelgasse in den Harry-Potter-Filmen und ziehen entsprechend Besucher aus aller Welt an. Lohnenswert ist auch ein Spaziergang auf den York City Walls: Die fast fünf Kilometer langen Stadtmauern aus dem 13. und 14. Jahrhundert umschliessen das historische Zentrum und bieten einen kostenlosen Rundweg mit immer wieder überraschenden Blickwinkeln auf die Stadt.
Schottische Hauptstadt
Nach einer erholsamen Nacht in York ging die Reise weiter nordwärts – 367 Kilometer bis in die schottische Hauptstadt. Edinburgh empfängt Besucherinnen und Besucher mit einer dramatischen Silhouette: Auf vulkanischen Hügeln erbaut, verbindet die Stadt eine verwinkelte mittelalterliche Altstadt mit der eleganten georgianischen New Town, deren schnurgerade Strassenfluchten, neoklassizistische Fassaden und gepflegte Gartenanlagen einen reizvollen Kontrast bilden.
Ein praktischer Stellplatz fand sich an der Fettes Avenue 5. Tagsüber kostet das Parken maximal 11 Pfund für neun Stunden, zwischen 17.30 und 8.30 Uhr ist es kostenlos – ein idealer Übernachtungsplatz, zumal die nahegelegene Polizeistation für ein zusätzliches Gefühl von Sicherheit sorgt. Von hier aus erreicht man in fünf Minuten zu Fuss eine Bushaltestelle; ein online gelöstes ÖV-Tagesticket für 5.50 Pfund und der Bus Nr. 24 bringen einen direkt zur Princes Street.
Bereits von der Haltestelle aus öffnet sich der Blick auf die grossflächigen Princes Street Gardens, die sich wie ein grünes Band zwischen Alt- und Neustadt erstrecken. Darüber thront auf seinem Basaltfelsen das Edinburgh Castle, Schottlands meistbesuchte Sehenswürdigkeit. Die Festung beherbergt die schottischen Kronjuwelen sowie den sagenumwobenen Stone of Destiny, der über Jahrhunderte bei der Krönung schottischer Könige zum Einsatz kam. Die Princes Street selbst ist Edinburghs pulsierende Haupteinkaufsmeile. Ein Abstecher in die Johnnie Walker Experience offenbarte eindrucksvolle Flaschendesigns und ebenso eindrucksvolle Preise. Mancher seltene Single Malt erreicht hier schwindelerregende Summen. Nach einem ausgiebigen Stadtbummel und einigen fotografischen Eindrücken führte der Bus zurück zum Wohnmobil. Trotz der vergleichsweise kurzen Fahrstrecke machte sich die Müdigkeit bemerkbar. Edinburgh hinterlässt eben nicht nur visuelle, sondern auch körperliche Eindrücke.
Kelpies – Wassergeister
Auch diese Nacht verlief ruhig, und so ging es am nächsten Morgen um acht Uhr ausgeruht weiter Richtung Falkirk zu den berühmten Kelpies. Doch was verbirgt sich hinter diesem Namen? Im Ökopark The Helix hat der Künstler Andy Scott den mystischen Wassergeistern der schottischen Sagenwelt ein monumentales Denkmal gesetzt: zwei je 30 Meter hohe und rund 300 Tonnen schwere Edelstahlskulpturen in Form gewaltiger Pferdeköpfe. Und wie es sich für Wassergeister gehört, erheben sie sich direkt am Wasser, an einem Arm des Forth and Clyde Canal, der sich 56 Kilometer quer durch Schottland zieht und die Nordsee mit dem Atlantik verbindet. Ein absolutes Muss für jeden, der in Falkirk Station macht. Und wie es der Zufall wollte, spielte an diesem Tag eine traditionelle Pipe-Band ein Livekonzert vor den Skulpturen – «very luuvly», wie der Schotte sagen würde.
Der komplette Reisebericht ist im Magazin WOHNMOBIL & CARAVAN Ausgabe 4/26 zu lesen.
Text und Fotos: Anita Maurer
aus dem Magazin: Wohnmobil und Caravan, Zeitschrift Nr. 4/2026